Jon Fosse, ein unendlich stiller Wirbelsturm
Nobelpreis für Literatur, 2023
Der norwegische Autor erhält den Preis für seine innovativen Theaterstücke und Prosawerke, »die dem Unsagbaren eine Stimme geben«, hieß es in der Begründung.
Seinen Romanen und Theaterstücken haftet oft etwas Melancholisches und Mystisches an. Etwas Nordisch-Düsteres sagt sinngemäß der Spiegel in seiner Würdigung des Nobelpreises für Literatur. 2023
Jon Fosse kommt von der Musik her. Monotone Sprachschleifen beschreiben die Erfahrung des Verlassenwerdens, schreibt die NZZ zu diesem Nobelpreis 2023.
Dem Unsagbaren, der Sprache und dem Schweigens eine Stimme zu verleihen, ist das nicht die Aufgabe der Poet:innen und Prosaschreibenden? Bei Jon Fosse liest man/frau sich dahinziehende Repetitionen und Überblendungen, in denen sich die Drehungen des Gedankenkarussels dahinschleppen und zu sich zurückkehren. Nicht heiter, ständig vom Tod umstellt.
„Zuerst bin ich furchtbar erschrocken: Ob ich eine Würdigung für Jon Fosse schreiben möchte – ist er gestorben? Wieso denn? Dann die Erleichterung: Es ist nur der Nobelpreis“, schreibt Marius von Mayenburg in der FAZ. Er nennt ihn einen unendlich stillen Wirbelsturm.
Selbstwirksam schreiben von Carmen C. Unterholzer
Wege aus der Rat-und Rastlosigkeit
Carl-Auer Verlag 2021
Es handelt sich bei diesem schmalen Buch um ein Werk, das im Rahmen einer Therapie Verwendung findet, aber auch eine Hilfe zur Selbsthilfe darstellen kann. Es enthalt eine Reihe von Schreibanregungen, Gedichtformen oder Prosatexte, die bei Kränkungen oder schweren Verlusten zum Einsatz kommen können.
Dabei geht die Autorin vom Konzept der Selbstwirksamkeit aus, das vor allem auf Albert Bandura zurückgeht. Nach ihm sind vor allem folgende Einflussgrößen von entscheidender Bedeutung
1. bereits erfahrene Erfolge
2. Erfolge von anderen, uns ähnlichen Menschen
3. Ermutigung und Unterstützung unserer Vorhaben
4. körperliche Reaktionen, z. B. Herzklopfen und flacher Atem, u. ä., die bei Herausforderungen nicht als Versagen, sondern als freudige Erregung interpretiert werden sollten.
Die Autorin verweist auch auf Aaron Antonfsky, seines Zeichens Medizinsoziologe. Er war einer der ersten, die sich von der Defizit-Orientierung der Psychologie abwandte und das Kohärenzerleben in den Mittelpunkt stellte. Nämlich: Anforderungen zu verstehen, das Gefühl zu haben, sie bewältigen zu können und das Erleben als sinnvoll einordnen zu können.
Unterholzer rekurriert auch auf den Hypnotherapeuten Milton Erickson. Er erkrankte mit 18 Jahren an Kinderlähmung und war der Überzeugung, dass alle Menschen einen unbewussten Erfahrungsschatz besitzen, der es ihnen ermöglicht, ein erfolgreiches Leben zu führen.Schreiben über sich und die Wahrnehmung der Welt, das Nachdenken und Nachspüren
über die eigene Befindlichkeit im Verhältnis zu anderen im Schreiben bringen Ressourcen ins Bewusstsein. Die Autorin ermutigt auch, sich die eigene Lebensgeschichte über andere „Knotenpunkte“ des Lebens zu erzählen. Der schmale Band mit ca. 130 Seiten könnte sich in schwierigen Situationen als sehr hilfreich erweisen. Die Therapeutin arbeitet in der Therapie als Schreibcoach.
Die Jahre – Autobiographie von Annie Ernaux
Suhrkamp, Taschenbuch, 10. Auflage, 2022, Nobelpreis für Literatur 2022
Annie Ernaux wurde 1940 geboren, also während des 2. Weltkriegs. In ihrem Werk, das sie als Autobiographie bezeichnet, in der es jedoch kein „ich“ gibt, macht sie klar, dass Menschen von ihrer Umwelt, vom Zeitgeist und letztlich von der Technikentwickung geprägt werden: ein beständiges Ich auf dass man sich berufen könnte, fehlt. Von sich spricht sie als „die Frau“ die man auf Fotos und Erinnerungen sieht. Manchmal sagt sie „wir“, niemals „ich. Kaleidoskop-artig, so kommt es mir vor, werden die Leser:innen durch die Entwicklung nach dem 2. Weltkrieg geführt.
Ortega y Gasset und Tschechow zur Einführung:
Am Beginn dieser Autobiographie steht ein Zitat dein weiteres Zitat vorausgeht und die Situation der Berichtenden von ihrem Leben erhellt:
Ortega y Gasset:
Wir haben nur unsere Geschichte und sie gehört uns nicht einmal
Tschechow:
„Ja. Man wird uns vergessen. Das ist unser Los, das lässt sich nicht ändern. Alles, was wir für ernst, bemerkenswert und wesentlich halten, wird mit der Zeit vergessen sein.“
Wenn man es so sehen will, verläuft diese ganze Entwicklung der Autorin Technik- und Reichtums-geleitet. Marxisten würden statt Reichtum Akkumulation sagen. Mit dem Aufkommen der Künstlichen Intelligenz könnte für viele Menschen, die jetzt noch Arbeit haben, der Rückwärtsgang eingelegt werden. Aber bei Annie Ernaux werden wir durch die aufblühende Konsumgesellschaft geführt. An Hand ihrer Produkte und durch den sich wandelnden Zeitgeist, werden wir durch ihr Leben geleitet. Wie man sich nach dem Krieg in Frankreich (und in Deutschland) von der Armut befreite, was den Verlust des christlichen Glaubens mit sich brachte, der lange Zeit das Leben in Frankreich (und in Deutschland) bestimmt hatte, die Festtage, die Familienstruktur.
Fotos aus ihrer Vergangenheit sind wesentlich für das Erinnern. Eines von ihnen zeigt die Autorin als Mittlere von drei Mädchen. Sie ist damals 23 und befindet sich zwischen Abschlussprüfungen. In ihrer Erinnerung an diese Zeit
„wälzte sie sich mit einem Jungen nackt auf einem Bett zu Serge Gainsbourgs „La Javanaise, kurz davor etwas Leichtsinniges zu tun“. (S. 89).
Man hat das Gefühl die Autorin müsse nur die Meldungen aus den Tages- oder Wochenzeitungen aufschlagen und den herrschenden Zeitgeist erfassen und die Autobiographie schriebe sich quasi von selbst. Die Sexualmoral jener Zeit schimmert durch.
„Falls man in einem Pinienwald oder an einem Strand der Costa Brava nicht rechtzeitig musste es weggemacht werden.“ (S. 84)
Damals waren Abtreibungen strickt verboten. Das immer schnellere Aufkommen neuer Produkte verdrängte ältere Gewohnheiten und Verhaltensweisen. Man erlebte die Achtundsechziger Jahre. Sie entfremdet sich von ihrem Milieu und ihren Eltern. Sie erwähnt die erste Herztransplantation 1985 und sieht die Konsumgesellschaft kritisch.
Inzwischen älter geworden
Die inzwischen 58 Jährige hat inzwischen einen jungen Geliebten und wechselt vom Hotel, in dem sie ihn trifft zum Besuch bei ihrer Mutter, die in einem Pflegeheim untergebracht und dement ist. Die Autorin beobachtet. Eine neue Armut breitet sich aus.
„Immer neue Methoden – sich hinknien und die Arme vor der Brust kreuzen, Passanten mit gesenkter Stimme ansprechen -, und neue Diskussionsbeiträge kamen auf, die allerdings schneller veralteten, als die Plastiktüten der Obdachlosen, die zum Symbol ihrer Verlassenheit geworden waren“. (S.175)
Frauen über 50, beobachtet sie, die schon einmal verheiratet waren, wollen keinen Mann mehr im Gegensatz zu den jungen. Chirac, Mitterand, Saddam Hussein und Gorbatschow kreuzen den Weg der Leser:innen. Ihre autobiographische Erzählung ist stark beeinflusst von Pierre Bourdieu, einem französischen Soziologen, und seinem Werk: „Die feinen Unterschiede“.1
Der Einfluss Bourdieus
Bourdieu, Sohn eines Bauern und bedeutender Soziologe des 20. Jahrhunderts, analysierte den Konsum kultureller Güter und widerlegte die verbreitete Annahme, dieser Konsum beruhe auf spontanen und individuellen Geschmacksentscheidungen. Kulturellen Vorlieben sind vielmehr das Ergebnis komplexer sozioökonomischer Prozesse. Welche Art von Musik jemand hört, ob er oder sie sich eher für avantgardistische Kunst oder für Sportveranstaltungen interessiert – diese kulturellen Aktivitäten hängen maßgeblich von der sozialen Herkunft und der Ausbildung ab.
Die Frau, die auf den Fotos immer eine andere ist, spiegelt sich im „sie“ der Erzählung, heißt es gegen Ende ihres Textes.
„In dem, was sie als unpersönliche Autobiographie begreift, gibt es kein ich, sondern nur ein man oder wir – jetzt erzählt sie auch von früher.
Wie in allen Autobiographien geht es aber auch in dieser um
„Etwas von der Zeit (zu) retten, in der man nie wieder sein wird“.(S. 253)
Eine sehr empfehlenswerte Lektüre, wenn man begreifen möchte, wie sehr wir das Produkt der herrschenden Umstände, der Technikentwickung und des Zeitgeistes sind.
1Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft Taschenbuch – 1987
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Autobiograhie schreiben – was sollte beachtet werden
nach Günter Waldmann
Falls jemand sich vornehmen sollte die eigene Biographie zu schreiben, gibt es einiges zu bedenken:
- das Gedächtnis verändert sich im Zeitablauf, ebenso möglicherweise die Bewertung dessen, was geschehen ist.
Ein sogenannte „objektive“ Sicht ist nicht mehr möglich. Man/frau ist jemand anderes geworden. Ob Mann oder Frau, sie sind nicht mehr das Kind oder der jüngere Mensch, der sie einmal waren.
- Innerhalb eines Menschen gibt es verschiedene Ichs, manchmal auch höchst widersprüchliche.
Auch gibt es sehr unterschiedliche Formen von Autobiographien. Wie Altmeister Goethe seine Autobiographie einstufte: Als „Dichtung und Wahrheit“. Das Gedächtnis ist eine Körperfunktion. Der Körper altert und verändert sich. So kann sich auch der Inhalt des Erinnerten verändern.
Formen von Autobiographien
Was die Formen von Autobiographien angeht, so können diese in der Ichform abgefasst sein. Das aber nicht zwingend. Der Germanist Günter Waldmann hat in seiner Untersuchung: „Autobiographisches als literarisches Schreiben“ an Hand einer Vielzahl von Autobiographien gezeigt, dass viele in der geläufigen Ich-Form, andere in der Du- und wieder andere in der Er/Sie- Form geschrieben sind, oftmals sogar innerhalb einer Autobiographie wechselnd zwischen der Ich- der Du- und der Sie-Form. Letzteres findet sich bei Christa Wolf (Kindheitsmuster). Sie bezeichnet diese Kindheitsmuster als Roman. Das Kind nennt sie Nelly.
Waldmann selbst (Auszug) lässt drei Ichs von sich zum Thema Reisen sprechen:
Ich 3: Also Opa, wenn du nun bald stirbst….
Ich 1: Ist mir noch nicht aufgefallen, dass ich krank bin.
Ich 3: Aber du wirst jetzt 94, da kann es doch nicht mehr lange dauern.
Ich 2: Das hast du sehr feinfühlig gesagt, Junge.
Ich 3: Ich meine doch nur, da solltest du sehen, dass du noch was erlebst, was siehst.
Ich 2: Ja, wirklich Opa. Aus der letzten Fahrt der „Deutschland“ da um Indien und Arabien rum, da war ein Hundertjähriger dabei.
Ich 1: Ich erlebe genug bei dem was ich lese und was ich schreibe, wirklich. André Heller sagt mal: „Die wahren Abenteuer sind im Kopf.“1
Kontext-gebunden
Schließlich sind Autobiographien allgemein stark Kontext-gebunden. In der Autobiographie von Annie Ernaux wird von einem Ich garnicht gesprochen. Es ist so, als würde die Autobiographie in erster Linie von den Umständen und jeweils herrschende Einstellungen, nicht von der individuellen Person geschrieben.
„Der Konsum löste die Ideale von 1968 ab………Doch die Zeichen der Zeit standen auf Geldausgeben, und so schaffte man sich unermüdlich Gebrauchsgegenstände und Luxusgüter an. Man kaufte eine Kühl- und Gefrier-Kombination, einen Renault 5, einen einwöchigen Skiurlaub in einem Hotel in den Alpen, eine Ferienwohnung am Mittelmeer.“
Sie hat für diese Autobiographie den Nobelpreis bekommen, m. E. sehr verdient. Bei Wikipedia heißt es, dass die Autorin, parallel zum französischen Soziologen Pierre Bourdieu und dessen Werks die „feinen Unterschieden“ eine „ähnliche und in vieler Hinsicht ergänzende literarische Sicht auf die Klassengesellschaft entwickelt“. Hinzufügen möchte ich, dass sich die Sicht Ernaux auf die französische Klassengesellschaft bezieht, aber sich in Deutschland ganz ähnliche Entwicklungen vollzogen haben.
1 Günter Waldmann: Autobiographisches als literarisches Schreiben, Schneider Verlag, Hohengehren, 2000.

Jon Fosse, Nobelpreis für Literatur, 2023
Der norwegische Autor erhält den Preis für seine innovativen Theaterstücke und Prosawerke, »die dem Unsagbaren eine Stimme geben«, hieß es in der Begründung.
Seinen Romanen und Theaterstücken haftet oft etwas Melancholisches und Mystisches an. Etwas Nordisch-Düsteres sagt sinngemäß der Spiegel in seiner Würdigung des Nobelpreises für Literatur. 2023
Jon Fosse kommt von der Musik her. Monotone Sprachschleifen beschreiben die Erfahrung des Verlassenwerdens, schreibt die NZZ zu diesem Nobelpreis 2023.
Dem Unsagbaren, der Sprache und dem Schweigens eine Stimme zu verleihen, ist das nicht die Aufgabe der Poet:innen und Prosaschreibenden? Bei Jon Fosse liest man/frau sich dahinziehende Repetitionen und Überblendungen, in denen sich die Drehungen des Gedankenkarussels dahinschleppen und zu sich zurückkehren. Nicht heiter, ständig vom Tod umstellt.
„Zuerst bin ich furchtbar erschrocken: Ob ich eine Würdigung für Jon Fosse schreiben möchte – ist er gestorben? Wieso denn? Dann die Erleichterung: Es ist nur der Nobelpreis“, schreibt Marius von Mayenburg in der FAZ. Er nennt ihn einen unendlich stillen Wirbelsturm.
